|
Der kleine blaue Käfer
Es war einmal ein kleiner blauer Käfer, der hatte einen Freund
- den kleinen gelben Käfer. Morgens nachdem beide mit ihren
Familien - der gelben Familie und der blauen Familie - gefrühstückt
hatten, trafen sie sich am zweiten Grashalm rechts um den Tag miteinander
zu verbringen.
Eines Tages, der Himmel war wolkenlos und die Sonne lachte ihr schönstes
Lachen, flogen die beiden nebeneinander her und besahen sich die
Welt. Der kleine gelbe Käfer wollte seinem Freund, dem blauen
Käfer, gerade erzählen, wie glücklich er sei, dass
sie Ferien haben und nun den ganzen Tag zusammen verbringen durften,
als er merkte, dass sein Freund verschwunden war. Ganz aufgeregt
schwirrte der gelbe Käfer umher und sah sich nach allen Seiten
um wo sein Freund geblieben sei. "Was hast du denn plötzlich?
Warum schwirrst du denn herum wie ein Verrückter?", fragte
da plötzlich eine Stimme neben ihm. Der kleine gelbe Käfer
sah erleichtert in die Richtung von der die vertraute Stimme seines
Freundes kam, aber er sah nichts weiter als den blauen, wolkenlosen
Himmel und - Moment mal, - ja, da sah er auch noch mitten im Blau
zwei kleine schwarze Kulleraugen, die ihn verwundert anblinzelten.
"Warum bist du denn plötzlich unsichtbar?", fragte
der gelbe Käfer den blauen. "Ich? Wieso? Ich bin doch
ganz normal blau wie immer!", antwortete sein Freund. Da erkannte
der gelbe Käfer, dass sein Freund die gleiche Farbe wie der
Himmel hatte und man ihn deshalb nicht erkennen konnte. Er erzählte,
dem blauen Käfer von seiner Erkenntnis und beide lachten los,
bis ihnen die Bäuche wehtaten. Weil der kleine blaue Käfer
ja jetzt wusste, dass er vor einem blauen Himmel unsichtbar ist,
versteckte er sich nun öfter und die beiden hatten viel Spaß
zusammen.
Doch noch im selben Sommer geschah etwas Schlimmes. Die beiden trafen
sich wie jeden Morgen am zweiten Grashalm rechts und flogen in Richtung
Teich, denn es war ein sehr heißer Tag und sie wollten ein
bisschen im Wasser planschen. Sie tobten und tobten und merkten
gar nicht wie die Zeit verging. Irgendwann waren die beiden so erschöpft,
dass sie sich auf eine wunderschöne gelbe Blume legten und
einschliefen. Der kleine gelbe Käfer hatte einen komischen
Traum: Der kleine blaue Käfer und er schliefen am Ufer, als
der kleine blaue Käfer plötzlich zu ihm sagte: "Ich
glaube ich muss jetzt gehen. Du sollst noch ein bisschen hier bleiben.
Grüß alle von mir und mach Dir keine Sorgen, mir geht
es gut. Ich werde auch weiterhin immer bei Dir sein." Und dann
flog der kleine blaue Käfer davon.
Mit einem Ruck war der kleine gelbe Käfer hellwach. Er schaute
neben sich, aber da war nichts zu sehen. Sein Freund war verschwunden.
Hatte er gar nicht geträumt? Doch, er war sicher, dass das
ein Traum war und dass sein Freund nur wieder einen Scherz mit ihm
trieb. Er rief: "Komm schon, lass den Unsinn. Ich weiß
doch, dass Du den schönen blauen Himmel bloß wieder als
Versteck benutzt. Also jetzt zeig Dich wieder." Aber nichts
rührte sich. Der kleine blaue Käfer blieb verschwunden.
Ratlos und traurig saß der gelbe Käfer am Ufer, als eine
kleine Ente heranschwamm und fragte: " Du bist so traurig?
Kann ich Dich ein bisschen trösten?" "Mein Freund
ist ganz plötzlich verschwunden, weißt Du vielleicht
wo er ist?", antwortete er. Die kleine Ente machte ein erschrockenes
Gesicht: "Meinst Du vielleicht den kleinen blauen Käfer
der vorhin neben Dir lag?" Der gelbe Käfer nickte. "Weißt
Du, ich bin mir nicht ganz sicher, aber vorhin habe ich euch kommen
sehen, dann habe ich euch beim Spielen zugesehen und dann habt ihr
Euch hier auf diese Blume gelegt. Dich habe ich dann nicht mehr
gesehen, denn du hast die gleiche Farbe wie die Blume, aber deinen
Freund habe ich gesehen. Als ihr geschlafen habt, kam ein großer
Vogel und er, er
" die Ente stockte, "er hat deinen
Freund einfach mitgenommen." Der kleine gelbe Käfer schaute
sie ungläubig an: "Waaaaaaaaaas?! Das kann doch nicht
wahr sein. Da kann doch nicht einfach ein Vogel kommen und meinen
Freund mitnehmen. Was will der denn mit meinem Freund machen?"
Die kleine Ente war verzweifelt und sah sich nach ihrer Mutter um,
denn sie brachte es einfach nicht übers Herz dem kleinen gelben
Käfer zu sagen, dass der Vogel seinen Freund gefressen hatte.
Mutter Ente sah ihr Kind und kam ihm zu Hilfe: "Kleiner gelber
Freund, hast Du Lust ein bisschen in meinem Gefieder Spazieren zu
fahren? Vielleicht kann ich dir sagen, wo Dein Freund ist."
Der kleine gelbe Käfer stimmt zu und sie schipperten auf den
Teich hinaus. "Erzähl mir von ihm", forderte ihn
Mutter Ente auf. Und da erzählte und erzählte der kleine
gelbe Käfer mit leuchtenden Augen von seinen Erlebnissen mit
seinem besten Freund, dem kleinen blauen Käfer, bis er nicht
mehr konnte und Mutter Ente und ihr Kind hörten ihm aufmerksam
zu. Plötzlich sagte der kleine gelbe Käfer: "Wo ist
denn nun mein Freund? Mutter Ente, du wolltest mir doch zeigen,
wo er ist." Mutter Ente schaute ihn traurig an: "Der große
Vogel hat deinen Freund mitgenommen, er wird nicht wieder kommen."
Der kleine gelbe Käfer brach in Tränen aus, er konnte
es einfach nicht fassen, dass er seinen Freund nie mehr wieder sehen
sollte. "Nie mehr?" fragte er ungläubig. "Nein,
er wird nie mehr wieder kommen, aber er wird immer bei dir sein!"
Da hörte der gelbe Käfer auf zu weinen, runzelte die Stirn
und sagte: "Wie meinst du das, Mutter Ente? Was meinst du damit,
dass er immer bei mir sein wird?" "Weißt du noch
eben, als ich dich gebeten habe, mir von ihm zu erzählen? Du
hast erzählt und erzählt bis du nicht mehr konntest. Und
ich bin sicher, wenn du noch Luft gehabt hättest, hättest
du noch ewig so weitererzählen können. Du hast sehr viel
Zeit mit deinem Freund verbracht und all die Geschichten sind in
deiner Erinnerung, die kann dir keiner nehmen. Die Erinnerung ist
in deinem Herzen und deshalb wird dein Freund auch immer in deinem
Herzen sein." Der kleine gelbe Käfer war schon ein bisschen
weniger traurig, denn das was ihm Mutter Ente erklärt hatte
klang irgendwie einleuchtend. Da fiel ihm noch eine Geschichte ein:
"Weißt du, immer wenn er einen Schabernack mit mir treiben
wollte, ist er vor dem strahlend blauen Himmel geflogen, dann konnte
man ihn nicht sehen. Er hatte die gleiche Farbe wie der Himmel."
Mutter Ente lächelte: "Vielleicht ist er da jetzt auch.
Sieh hinauf und sag mir was du siehst." Der kleine gelbe Käfer
legte den Kopf in den Nacken und musste auch lächeln: "
Es ist als ob mein Freund der Himmel ist. Und ja, Mutter Ente, Du
hast recht - der Himmel, der ist immer da."
(c) Kerstin Müller, Aachen 2003
|